König der Völker

(22. Türchen des Blogoezesen-Adventskalenders.)

In den sieben Tagen vor Heiligabend ist der Gottesdienst der katholischen Kirche geprägt von sieben feierlichen Rufen nach Christus, die ihn mit verschiedenen Ehrentiteln anrufen, den sogenannten O-Antiphonen. Am 22. Dezember lautet der Ruf:

O König der Völker, den sie alle ersehnen. Du Eckstein, der das Getrennte eint. Komm, o Herr, und befreie den Menschen, den du aus Erde erschaffen hast.

O König der Völker.

Ich habe ja sicher viel Seltsames im Internet gelesen in diesem Jahr, aber ein besonders seltsamer Kommentar ist mir hängengeblieben: irgendwo meinte ein freundlicher Mitchrist, als es um die Frage ging, ob das Christentum „zeitgemäß“ sei (und wenn nicht, wie es „zeitgemäßer“ werden könne, solle, müsse!), man solle doch zum Beispiel mal endlich darauf verzichten, von Gott als „König“ zu reden – heutzutage wäre doch „Ministerpräsident“ oder so viel passender.

Ich glaube, in dem Moment, als ich das las, habe ich mich innerlich ein wenig vor Schmerzen gekrümmt.

Natürlich, „König“ ist ein menschliches Bild, und als solches ist es dem Wandel unterworfen. In einer Zeit, wo in Europa Könige und Königinnen nur mehr als schillernde Deko fungieren und daher bei vielen als überflüssiges Relikt vergangener Zeiten gelten, ist das ganz sicher kein leicht verständliches Bild mehr, wenn Gott als König bezeichnet wird.

Ja, es  geht dabei um Macht – so mag der erwähnte freundliche Mitchrist auf den „Ministerpräsidenten“ gekommen sein. Es geht allerdings nicht um jemanden, der Parteipolitik machen und Kompromisse eingehen muß um der Macht willen. Es geht nicht um jemand, der auf die Zustimmung einer Mehrheit angewiesen ist und diese gewinnen und behalten muß, um zu sein, was er ist. Letzten Endes geht es eher um den Idealtypus der Macht, den Archetyp des Herrschers.

Im Alten Testament ist es erst einmal eine der Besonderheiten Israels, daß es – im Gegensatz zu den Völkern rundherum – keinen menschlichen König hat. Sein König ist allein Gott, und er beruft Propheten und Anführer verschiedener Art, die das Volk Israel führen. Aber irgendwann reicht ihnen der Prophet nicht mehr – sie wollen einen irdischen König, wie alle anderen Völker rundherum auch. Und sie bekommen einen König, der nicht nur das Recht hat, ihnen allerhand wegzunehmen, um seine Hofhaltung zu finanzieren und organisieren und seine Macht zu erhalten und zu demonstrieren, wie ihnen der Prophet Samuel eindrücklich vorhält (vgl. 1 Sam 8), sondern der dann eben auch einfach ein Mensch sein wird und als solcher unvollkommen: als ersten den düsteren Saul, dann David, der – obwohl er im Großen und Ganzen als Lichtgestalt erscheint – auch seine Abgründe hat, und viele folgen, mit ihren je eigenen kleineren oder größeren Problematiken.

Im Grunde ist, von daher gesehen, für die biblische Tradition nicht der König ein Bild für Gott, sondern Gott das Urbild des Königs, wie er eigentlich sein sollte. Und wie er sein sollte, zeigt ein zweites Bild, das dem des Königs zur Seite gestellt ist und dieses deutet: das des Hirten, der für seine Herde sorgt. (Natürlich wird der freundliche Mitchrist, der mit dem König nichts mehr anzufangen weiß, beim Hirten gleich wieder aufschreien: wenn Gott ein Hirte sein soll, dann sind wir wohl dumme Schafe! Und überhaupt, wo gibt es denn heute noch Hirten! – Ich glaube, ich möchte gar nicht wissen, was er als Ersatz dafür vorschlüge. Am Ende wär’s ein Hedgefondsmanager oder dergleichen.)

Wenn wir am Christkönigsfest Christus als König feiern, stehen gewöhnlich nicht seine Macht und sein Glanz im Vordergrund. Von den drei Evangelientexten, die in den drei Lesejahren für dieses Fest vorgesehen sind, geht es zweimal um die Passion: Jesus, der König, wird verhört und verurteilt, und er hängt am Kreuz. Es scheint paradox, aber es zeigt, was Jesus im Verhör bei Pilatus selbst sagt: sein Königtum ist nicht von dieser Welt. Es geht nicht um irdische Macht, nicht darum, ein Territorium und Untertanen zu beherrschen. Dieses „Königtum“ bedeutet die Macht dessen, der nicht nur alles, was ist, erschaffen hat, sondern es auch in jedem Moment im Sein hält, und der am Leben hält, was lebt. Es geht um den, der das Sein und das Leben selbst ist.

„König“ mag ein schwaches Bild dafür sein. Aber „Ministerpräsident“ … nun ja. Bleiben wir vorläufig vielleicht doch besser beim König.

 

Pantokrator

 

 

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