Abendgedanken einer Exnonne

Ich gestehe, obwohl sie mir wichtig ist, ist es nicht vorrangig die deutsche Einheit, die mich am 3. Oktober bewegt. Prägender ist ein persönlicher „Gedenktag“: es ist der Tag, an dem meine zweijährige Klosterzeit zu Ende ging. Das sind nun heute 12 Jahre, und es treibt mich offenbar immer noch um – vielleicht heute besonders, wo ich in einem der (Männer-)Klöster zu Gast bin, in denen ich mir damals das benediktinische Virus eingefangen hatte.

Als ich mich zum Eintritt in ein Benediktinerinnenkloster entschied, meinte ich, ich sollte es versuchen, schon um mich nicht mein Leben lang fragen zu müssen, ob das nicht vielleicht mein Weg gewesen wäre. Wahrscheinlich habe ich geglaubt: falls es nicht paßt, kann ich es dann in Frieden hinter mir lassen und abhaken. Und genau das habe ich danach auch lange versucht: es abzuhaken. Viel Erfolg hatte ich wohl nicht damit.

Immerhin, die Wunden (ja, die gab es, und sie waren tief) sind soweit verheilt. Auch das dauerte länger als gedacht – und je nach seelischer Wetterlage stechen auch manchmal noch die Narben. Die lange noch quälende Frage, ob ich es noch einmal anderswo versuchen sollte, ist seit ein paar Jahren klar mit Nein beantwortet: weder könnte noch wollte ich mich noch einmal auf so viel Reglement und Beschränkung einlassen; das ging damals schon nicht gut und ginge jetzt sicher nicht besser, so gut kenne ich mich inzwischen. (Einer der weisesten Sätze meiner damaligen Novizenmeisterin: „Man kann eine Zeitlang auf Zehenspitzen stehen, aber nicht für das ganze Leben.“).

Was bleibt, ist die Sehnsucht nach der Tiefe des geistlichen Lebens, wie ich sie bei (manchen) Mönchen und Nonnen empfunden habe und die ich gesucht habe auf diesem Weg. Einen Hauch davon habe ich selbst geschmeckt in den zwei Jahren – habe es vor allem im Rückblick erkannt, während mir in der Zeit selbst mehr der Kampf mit den Schwierigkeiten drumherum bewußt war, als daß ich diese größere Tiefe wirklich gespürt hätte. Gespürt habe ich umso deutlicher, wie sie allzu schnell verschwand, als ich wieder draußen war. Auf jeden Fall hat das so Erfahrene aber nicht gereicht, all die Beschränkung, die dazu nötig war, für mich erträglich und lebbar zu machen.

Es mag andere Wege dahin geben, vielleicht auch einen, der für mich gangbar ist. Gefunden und gewagt, zu meinem gemacht habe ich ihn wohl noch nicht. Und so schwebt mir dann doch immer wieder der nicht für mich gangbare als Ideal vor, bleibt es ein Schmerz, dazu nicht fähig zu sein. Vielleicht ist es das, was ich gern noch hinter mir lassen und „abhaken“ würde, um mit jener Zeit, die am 3. Oktober 2003 zu Ende ging, dann wirklich im Frieden zu sein.

(Beitragsbild von pixabay.com | cocoparisienne, CC0 Public Domain)

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8 Kommentare zu Abendgedanken einer Exnonne

  1. Liebe Andrea,
    herzlichen Dank für den Einblick, den Du uns so freimütig gewährst. Einige dieser Gedanken kommen mir, wenn auch in anderen zusammenhängen, sehr bekannt vor. Ich wünsche Dir weiter alles Gute!
    (Und ganz uneigennützig 😉 : Wärest Du Benediktinerin geblieben, hätten wir uns wohl nicht kennen gelernt. Das hätte ich nicht so gern gehabt.)

  2. Danke, hat mich auch sehr berührt! Lass uns weiter wagen, der Sehnsuch nachzuspüren! Gott schenkt uns jeden Tag jeden Atemzug, er i s t in uns!

  3. 12 Jahre? So lange schon…
    (Ich habe dich trotzdem ganz gerne in dieser Welt. Auch wenn ich dir wünsche, daß du doch noch einen Weg findest, das eine zu bekommen ohne das andere dazu nehmen zu müssen.)

  4. Danke für dieses Post. Ich kenne es auch gut, habe 2016 die Gemeinschaft, in der ich war verlassen, weil ich merkte, dass dies nicht mein Weg ist. -Wohl aber der zölibatäre Weg.

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